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Der Maientag – Göppingens „Nationalfeiertag“ seit 1650

Seit über drei Jahrhunderten feiern die Göppingerinnen und Göppinger ihren Maientag – ein Fest, das verbindet, Traditionen lebendig hält und Gemeinschaft stiftet. 2025 stand der Maientag im Zeichen seines 375. Jubiläums und erinnerte an die lange, bewegte Geschichte dieses einzigartigen Volksfestes.

Ein Fest für Frieden, Freude und Gemeinschaft

Der Maientag begann als Friedens- und Dankfest: Am 11. August 1650 feierte Göppingen erstmals nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg die Rückkehr des Friedens. Der damalige Bürgermeister Elias Laichinger beschreibt in seinen Aufzeichnungen, wie rund 300 Kinder in weißer Kleidung mit grünen Kränzen einen Umzug anführten, bevor es in die Oberhofenkirche ging. Dort sang die Gemeinde das Te Deum laudamus, und jedes Kind erhielt ein sternförmiges Brot. Der Tag endete mit Böllerschüssen – einer Tradition, die sich im heutigen Feuerwerk wiederfindet. Schon damals standen Kinder, Gesang und Gemeinschaft im Mittelpunkt.

Woher der Name „Maientag“ stammt

Entgegen der Annahme, dass der Maientag wegen des Monats Mai so heißt, verweist der Name auf die Maien, die freie Natur, in der das Fest ursprünglich stattfand. Das „In-die-Maien-Gehen“ der Schulkinder war eine Freude und diente zugleich der Auszeichnung der Besten. Überliefert ist, dass es bereits vor 1650 ähnliche Festlichkeiten für die Schüler der Göppinger Lateinschule und später auch der deutschen Schule gab.

Musik und Hymnen

Musik gehört zum Maientag von Anfang an. Schon beim ersten Fest erklang der Dankgesang, heute wird das Fest traditionell mit der Maientagshymne „Geh aus mein Herz und suche Freud“ eröffnet. Das Lied des Theologen Paul Gerhardt (1607–1676) verbindet Naturbegeisterung, Freude am Leben und das Symbol des „Gartens des Himmels“. Gesungen wird in Göppingen noch die Melodie von Johannes Schmidlin aus dem 18. Jahrhundert.

Maientage im Wandel der Zeit

Im 18. und 19. Jahrhundert blieb der Maientag eng mit Schulen verbunden: Kinder wurden für Fleiß und gutes Benehmen ausgezeichnet, erhielten Brot und Papier. Später gewann der Vergnügungsaspekt an Bedeutung, und Festplätze boten Raum für Spiel, Tanz und Musik. Seit dem Kaiserreich organisierte der Gemeinderat den Maientag, und der Festzug entwickelte sich zu einer bunten Mischung aus Musik, Turn- und Gesangsvereinen sowie historischen Darstellungen.

Die Nationalsozialisten vereinnahmten den Maientag in den 1930er Jahren für ihre Ideologie, schlossen jüdische Kinder aus und nutzten das Fest für Propaganda. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann 1947 ein Neuanfang, der den Maientag wieder als friedliches Volksfest für alle Kinder und Bürgerinnen und Bürger etablierte.

Die Maientagsplakette – kleines Symbol, große Bedeutung

Seit 1949 bereichert die Maientagsplakette das Fest: bunt, kreisrund, jedes Jahr mit neuem Motiv – von Schülern gestaltet. Sie war zunächst ein kleiner „Festausweis“ und half, das Fest zu finanzieren. Heute sind die Plaketten begehrte Sammlerstücke und Zeugnisse der langen Tradition. 2025 gibt es zudem eine spezielle Jubiläumsplakette zum 375. Maientag.

Die Rolle der Nachkriegsbürgermeister

Insbesondere Oberbürgermeister Herbert König (ab 1954) prägte den Maientag maßgeblich. Er betonte den Friedenscharakter des Festes, stärkte historische Elemente und machte den Festzug zu einem lebendigen Schaufenster der Stadtgeschichte. Schülergruppen stellen Szenen von den Alamannen über die Stauferzeit bis zur Industrialisierung dar, und seit den 1950er Jahren präsentiert sich die Stadt im Festzug auch in „Göppinger Tracht“.

Krisen, Kriege und Naturgewalten

Der Maientag musste immer wieder ausfallen: während der Weltkriege, bei Epidemien, Missernten, Überschwemmungen, Hungersnöten oder Naturkatastrophen. Selbst das Wetter entscheidet traditionell über den Festtag: Ein trockener Himmel ist Pflicht, Regen kann die Feier trüben. Das berühmte „Hoffentlich hebt’s!“ begleitet die Vorfreude jedes Jahr.

Der Maientag heute

Heute ist der Maientag ein verlängertes Festwochenende: Freitagabend startet das „Maientags-Ansingen“, Samstagmorgen erklingen Kirchenglocken und Posaunenklänge. Nach einem Gottesdienst eröffnet der Oberbürgermeister den Festtag, alle singen die Hymne, und der Festzug zieht durch die Stadt. Musikalische, sportliche und tänzerische Darbietungen, Jahrmarktstände, Fahrgeschäfte und das Maientagsfestbier sorgen für Unterhaltung und Geselligkeit. Höhepunkt bleibt das Feuerwerk am Montagabend.

Der Festzug ist dabei ein Spiegel der Stadtgeschichte und der Gegenwart: Schülergruppen, Musikvereine, historische Szenen und aktuelle Themen mischen sich. Mal wird Geschichte nachgespielt, mal kritisch kommentiert – so zeigt der Maientag auch den lokalen und globalen Zeitgeist.

Auf dem Weg zum Immateriellen Kulturerbe

Göppingen, zusammen mit Nürtingen, Vaihingen an der Enz und Owen, bewarb sich 2023 um die Aufnahme der Maientage ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Die altwürttembergischen Maientage reichen in das 17. Jahrhundert zurück und zeigen Parallelen in Ablauf und Tradition. Obwohl die Bewerbung 2025 zunächst abgelehnt wurde, bleibt das Ziel, diesen lebendigen Brauch dauerhaft sichtbar zu machen, bestehen.

Fazit

Der Maientag ist mehr als ein Fest: Er ist Geschichte, Identität und Freude in einem. Von den ersten Dankfesten nach dem Dreißigjährigen Krieg bis zum heutigen bunten Festwochenende spiegelt der Maientag die Stadtgeschichte wider und verbindet Generationen. Göppingen feiert zusammen – Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Vereine und Bürgerinnen und Bürger. Ein Fest für die Gemeinschaft, das Tradition bewahrt und zugleich lebendig bleibt.