„Das schöne nahrhafte Göppingen in Asche“
Eine Nacht verändert alles
In der Nacht vom 25. auf den 26. August 1782 zerstörte ein verheerender Großbrand fast die gesamte Innenstadt von Göppingen. Innerhalb weniger Stunden standen hunderte Häuser in Flammen.
Zeitzeugin Franziska von Hohenheim beschrieb in ihrem Tagebuch die dramatische Lage:
„…alles war fast schon in Flammen… ein Jammer, die wütenden Flammen alles verzehren zu sehen.“
Auch Bürgermeister Johann Georg Bracher hielt das Ereignis schriftlich fest:
„… ein sehr heißer, doch düsterer Tag … gegen 8 Uhr abends schlug ein solcher Blitz in des Rotgerbers Haus, welches sogleich in volle Flamme geriet.“
Noch eindringlicher beschrieb Stadtpfarrer Georg Friedrich Cloß das Ausmaß des Brandes:
„… gleich nach dem Wetterschlag stund dieses ganze Haus im Brande … ein schrecklicher Sturmwind thürmte Flammen auf Flammen auf … in wenigen Stunden die ganze Stadt im Feuer … in 10 Stunden war die ganze Stadt ein feuriger Scheiterhauffe.“
Ausmaß der Katastrophe
Drei Wochen nach dem Brand wurde das ganze Ausmaß sichtbar:
– 347 Gebäude zerstört
– 496 Familien obdachlos
– über 688.000 Gulden Schaden an Gebäuden und Hausrat
– 200 Webstühle der Zeugmacher verbrannt
Erste Hilfe und Versorgung
Soforthilfe kam aus der Region: Brot, Mehl, Getreide und Wein wurden geliefert. Der Herzog ließ die ärmsten Familien aus Staatsmitteln versorgen – im Winter 1782/83 waren es bis zu 400 Menschen täglich. Auch Brennholzspenden wurden organisiert.
Etwa zwei Drittel der obdachlos gewordenen Bürger fanden in Häusern außerhalb der Stadtmauer oder im Schloss Unterschlupf, das ab 1782 als Schulhaus, Verwaltungsgebäude und Notunterkunft diente. Steuererleichterungen und zollfreier Warenimport sollten den wirtschaftlichen Wiederaufbau erleichtern.
Neuanfang auf modernem Grundriss
Bereits wenige Tage nach dem Brand begann die Räumung der Trümmer durch Arbeiter aus den umliegenden Amtsstädten. Herzog Carl Eugen beauftragte den Landbaumeister Johann Adam Groß mit der Planung eines völlig neuen Stadtgrundrisses.
Die neue Stadt wurde großzügig, regelmäßig und brandsicher geplant – ein Ausdruck der Ideen der Aufklärung. Erker und Vorsprünge wurden verboten, Erdgeschossmauern mussten aus Stein gebaut werden. Diese Vorgaben stießen in der Bürgerschaft teilweise auf Kritik – sie machten den Wiederaufbau teurer und verhinderten die Weiternutzung alter Keller. Trotzdem setzte der Herzog seine Planung kompromisslos durch.
Im Februar 1783 waren die Bauplätze neu aufgeteilt, kurz darauf wurde das erste neue Haus errichtet. Schon im April standen 119 Häuser im Bau, im September über 200.
Das neue Rathaus – Symbol des Wiederaufbaus
Nachdem Wohnhäuser, Schulen und die Stadtschreiberei wieder standen, begann der Bau des neuen Rathauses am neu angelegten Marktplatz. Landbaumeister Groß plante ein zweigeschossiges Gebäude mit zwei markanten Giebeln und einem Turm mit Uhr und Glocken.
Der Baugrund war schwierig: In den morastigen Boden mussten über 900 Tannenholzpfähle gerammt und ein Fundament aus Eichenbalken errichtet werden – das verteuerte den Bau erheblich. Die kalkulierten Kosten von 28.000 Gulden stiegen auf 47.500 Gulden.
Das neue Rathaus war nicht nur Verwaltungszentrum, sondern auch Markthalle, Kornspeicher, Wollkammer und Metzgerei im Erdgeschoss. Im Obergeschoss lagen die Ratsstuben und Kanzleien. Unter dem Dach wohnte der Hausdiener – im Turm befand sich sogar eine Arrestzelle.
Ein teurer Wiederaufbau
Die Kosten des Wiederaufbaus brachten die Stadt an den Rand ihrer finanziellen Existenz. Trotz Verkäufen städtischer Grundstücke und Gebäude konnte der Schuldenberg von fast 100.000 Gulden zunächst nicht abgetragen werden. Erst 1795 – 13 Jahre nach dem Brand – war Göppingen schuldenfrei.
Vom Unglück zur modernen Stadt
Die Brandkatastrophe von 1782 war ein tiefer Einschnitt in Göppingens Geschichte – aber auch ein Wendepunkt. Die Stadt wurde nicht nur wieder aufgebaut, sondern völlig neu gestaltet. Der Geist der Aufklärung, der Mut zur Veränderung und die Solidarität vieler machten aus der Tragödie einen Neuanfang.